Stürzte Lehman Brothers oder wurde nachgeholfen?

(der 11. September der Wirtschaft)

Aus dem Kopp-Verlag, von Ellen Brown, 10. Sept. 2009. http://info.kopp-verlag.de/news/11-september-der-wirtschaft-stuerzte-lehman-brothers-oder-wurde-nachgeholfen.html

Ein Jahr nach dem Bankrott von »Lehman Brothers« am 15. September 2008 wird noch immer über den Zusammenbruch der Investmentbank gerätselt. Lawrence MacDonald, dessen Buch »A Colossal Failure of Common Sense« (zu Deutsch etwa: »Wenn der gesunde Menschenverstand komplett versagt«) im Juni 2009 erschienen ist, vertritt die These: Der Bank ging es im Kern nicht schlechter als anderen Großbanken an der Wall Street. »Lehman« sei einfach »eingeschläfert« worden. Fragt sich nur: Warum? …

… Schocktherapie?  

Der Kongressabgeordnete Paul Kanjorski erklärte im Januar 2009 im US-Fernsehsender C-SPAN, der Zusammenbruch von Lehman Brothers habe am 18. September, einem Donnerstag, einen Run von 550 Milliarden Dollar auf die Liquidität am Geldmarkt ausgelöst. Diese katastrophale Nachricht hatte US-Finanzminister Henry Paulson dem Kongress hinter verschlossenen Türen überbracht. Der Kongress bewilligte daraufhin trotz erheblicher Bedenken den 700 Milliarden Dollar schweren Bankenrettungsplan. Diese Art »Schocktherapie« beschreibt Naomi Klein in ihrem Buch The Shock Doctrine (deutscher Titel: Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus). Nach ihrer Darstellung bedeutet eine hastig durchgeführte Rettungsaktion, dass die Bürger auf Rechte oder Gelder verzichten, wozu man sie andernfalls schwerlich bewegen könnte.

Der 550-Milliarden-Run auf die Liquidität am Geldmarkt war genauso verdächtig wie die »Bombardierung« der Lehman-Aktien am 11. September. Der Aktienmarkt war eingebrochen, als Lehman am 15. September Konkurs angemeldet hatte, stieg am 16. September aber wieder an. Warum brach der Geldmarkt dann erst am 18. September ein? In einem Bericht des Joint Economic Committee (des gemeinsamen Wirtschaftsausschusses im US-Kongress) wird darauf verwiesen, dass der 62 Milliarden Dollar schwere Geldmarktfonds Reserve Primary Fund wegen seiner Investitionen in Lehman-Aktien »die Dollargrenze unterschritten« hatte (d.h. unter den Wert von einem Dollar pro Aktie gefallen war). Das war allerdings bereits am 15. September passiert und der Fonds hatte die Verkäufe für die darauffolgende Woche ausgesetzt. Welch unheilvolle Kehrtwende war am 17. September vollzogen worden? Nach Angaben der SEC war an dem Tag bei illegalen ungedeckten Leerverkäufen wieder einmal ein Rekord aufgestellt worden. Es gab 49,7 Millionen sogenannte »Failed Trades« (d.h. eine Partei konnte ihren Verpflichtungen überhaupt nicht nachkommen) – 23 Prozent der Lehman-Trades.

Die weitergehende Frage: Warum?

Das alles deutet darauf hin, dass Lehman Brothers nicht einfach über die Klippe gerutscht ist, sondern dass kräftig nachgeholfen wurde. Nach der Aussage des Vorsitzenden Richters im Konkursverfahren James Peck wurde »Lehman Brothers zum Opfer, es ist tatsächlich die einzige echte Ikone, die einem Tsunami zum Opfer gefallen ist, der über die Kreditmärkte hinweggerauscht ist«.

Wenn Lehman tatsächlich geopfert worden ist, wer hat dann nachgeholfen und mit welcher Absicht? Einige Kritiker verweisen auf Henry Paulson und seine Clique bei Goldman Sachs, Lehman Brothers’ Erzrivalen. In der Tat steht Goldman nach dem Abgang von Lehman Brothers ganz oben, aber es gab auch andere Erklärungen, mit Beteiligung anderer Global Players. Einen Monat nach dem Zusammenbruch von Lehman riefen Gordon Brown und andere Regierungschefs der EU dazu auf, die Finanzkrise als Chance zu betrachten, nun endlich die Regulierungsvollmacht der globalen Institutionen zu verstärken. Brown sprach von einer »neuen globalen Finanzordnung«, was an David Rockefellers »Neue Weltordnung« erinnerte. Der Globalisierungs-Banker hatte 1994 gesagt:

»Wir stehen vor einer weltweiten Umwälzung. Wir brauchen nur die richtige große Krise und die einzelnen Staaten werden die neue Weltordnung akzeptieren.«

Richard Haas, der Präsident des amerikanischen Council on Foreign Relations, schrieb 2006:

»Globalisierung … bedeutet, dass die Souveränität nicht nur tatsächlich gelockert wird, sondern dass sie gelockert werden muss.«

Die Souveränität gehört zu den langgehegten Rechten, die ein Land nur »mit der richtigen großen Krise« aufgeben wird. Bei Gordon Brown klingt das so:

»Manchmal braucht man eine Krise, um die Zustimmung der Öffentlichkeit für etwas zu erhalten, das offensichtlich nötig ist und schon vor Jahren hätte getan werden sollen, was keinen Aufschub mehr duldet. … Wir müssen eine neue internationale Finanzarchitektur für das Zeitalter der Globalisierung schaffen.«

Im April 2009 waren Gordon Brown und Alistair Darling Gastgeber der Gipfelkonferenz der G20 in London, bei der die Finanzkrise im Mittelpunkt der Diskussion stand. Man einigte sich auf Schritte in Richtung auf eine globale Währung und die Einrichtung eines internationalen Financial Stability Board als weltweite Regulierungsinstanz, die bei der umstrittenen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel errichtet wird. Die internationalen Banker, die die Finanzkrise verursacht haben, schlagen nun also Kapital daraus, sie konsolidieren ihre Macht in einer »neuen globalen Finanzordnung«, die ihnen die vollständige Kontrolle verschafft.

Das Gesagte soll zum Nachdenken anregen, denn der 11. September steht wieder vor der Tür.

(Ganzeer Text).

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