Altersvorsorge – Balgerei um 650 Milliarden

Von Wolfgang Hafner, Ausgabe vom 4. Januar 2007, WOZ Die Wochenzeitung:

Drei Artikel-Auszüge: … Die zweite Säule ist ein technokratisches Gebilde, eine Kopfgeburt von Bürokraten. Da alles so kompliziert und unübersichtlich ist, haben Juristinnen und Finanzexperten dabei das Sagen – seien sie nun linker oder rechter Provenienz. Verunsichert überlassen wir ihnen die Verantwortung und zweifeln daran, ob wir je einmal von der zweiten Säule profitieren werden.

Die Unübersichtlichkeit der zweiten Säule macht sie zu einem gefundenen Fressen für alle, die sich rasch bereichern wollen. Bekannt geworden ist etwa der Fall des Anlagechefs der Rieter-Pensionskasse, Jürg Maurer. Er hat sein Privatvermögen innerhalb von vier Jahren von einer knappen halben Million auf 69 Millionen mehr als verhundertfacht. Das dürfte kein Einzelfall sein. Der Anlageverantwortliche der kantonalzürcherischen Beamtenversicherungskasse, Robert Straub, wies bei seiner Wahl im Jahre 1988 ein Reinvermögen von 1,6 Millionen Franken aus. Sieben Jahre später waren es 9,7 Millionen Franken …

… Die Intermediäre sind eine Zwischenstation bei Geldanlagen. Das hat für die eigentlichen Anleger Vor- und Nachteile: Je mehr Intermediäre zwischengeschaltet sind, umso weniger nachvollziehbar wird die Geldanlage. So müssen sich die Kapitalgeber für ihre Investitionen nicht direkt verantwortlich fühlen – zahlen dafür aber eine Prämie.

Weiter garantieren die Intermediäre eine gewisse Standardisierung der Kapitalanlagen, was die verschiedenen Anlagekategorien vergleichbar macht und den Einsatz von mathematischen Modellen ermöglicht – so werden Risiken und Renditen berechenbar.

Das Spielfeld der Intermediäre sind die Finanzmärkte, auf denen die Pensionskassen ihr Geld anlegen. Das sind hochtechnokratische, rechtlich ausgefeilte Gebilde. Denn die am meisten gehandelten «Werte» – Finanzinstrumente wie Optionen und so weiter – sind nichts anderes als juristische Konstrukte. Diese Verträge werden weltweit gehandelt, was nur mit einem einheitlichen und zugleich verbindlichen Rechtssystem möglich ist. Dies ist für das Funktionieren der Finanzmärkte entscheidend. Die in diesem System geltenden Regeln sind vom US-amerikanischen Gedankengut geprägt. Von den USA her wird auch ihre Anwendung durchgesetzt …

… Natürlich gibt es auch Versuche, sich innerhalb des bestehenden Systems «moralisch» verantwortbar zu verhalten. So lässt etwa die alternative Pensionskasse Nest ihr Kapital durch Intermediäre nach «nachhaltigen» und «sozial verträglichen» Normen anlegen. Es wird sich zeigen müssen, ob dabei mehr als die Rolle eines Alibis dafür, dass der Markt auch die «Guten» zulässt, möglich ist.

Index statt Intermediäre?

Neuerdings versuchen sich einige Pensionskassen – etwa jene der Stadt Zürich – etwas aus der Umklammerung durch die Intermediäre zu befreien, indem sie einen grossen Teil ihres Geldes passiv anlegen. Dabei gewichten sie ihre Anlagen nach einem Index wie etwa jenem der Schweizer Aktien. Das benachteiligt nicht börsenkotierte Unternehmen wie KMU. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen dieser Anlagestrategie wurden bisher kaum diskutiert. Ob darüber hinaus die Pensionskassen bei einem allfälligen Zerfall der Aktienkurse den Schwarzen Peter ziehen und am längsten auf fallenden Papieren sitzen bleiben oder gar zu Stützkäufen genötigt werden, wird sich zeigen.

Andere Kapitalanlagen jenseits des kostspieligen Geflechts der Intermediäre wurden kaum versucht. Ausnahme bilden weltanschaulich orientierte Pensionskassen wie etwa die den Anthroposophen nahestehende Coopera Sammelstiftung PUK oder die Pensionskasse Abendrot. Ihr primäres Ziel ist die Förderung einer Idee und nicht die Erzielung einer möglichst hohen Rendite. Sie legen ihr Kapital vorwiegend in Hypotheken für ihnen nahestehende Projekte an. Letztlich ist dies die einzige Variante, die einen realen Bezug zwischen Anlage, Renten und Zahlenden herstellt und einen gewissen Spielraum jenseits der Zwänge der Finanzmärkte ermöglicht. Und: Im langfristigen Vergleich erzielen sie durchaus akzeptable Renditen. Doch im Gesamtkontext ist ihre Bedeutung minim. Einzig der Ausbau der AHV (in der Schweiz: Alters- und Hinterlassenen-Versicherung, oder 1. Säule) böte einen Ausweg aus der Ratlosigkeit. (Siehe den ganzen Artikel in der WOZ vom 04.01.2007).

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