Wie kann die SPS das Ziel ‘Überwindung des Kapitalismus’ kommunizieren?

Meine Antwort auf diese Frage an die yahoogroups.de virglobdeutsch: (s/ Update am Ende).

Indem klar beschrieben wird, WAS WIE WANN WO von WEM gemacht werden kann. Die meisten Menschen brauchen einen Plan, oder glauben es wenigstens.

Ich schlage vor, es werden Begriffe neu geschaffen bzw. um-definiert: 

  • Geld ist ein gemeinsames Gut, als privater Besitz respektiert wird Geld nur bis zu einer gewissen Summe;
  • die Verwaltung des öffentlichen Anteils an Geld ist absolut, total und ohne Ausnahme transparent;
  • der ganze Ablauf der öffentlichen Gelder wird computerisiert, die Software dazu wird so einfach verständlich gehalten, dass im Turnus Einzelne bzw Gruppen die Kontrolle zu übernehmen imstande sind. Auch diese Kontrolltätigkeit ist total transparent, der Ablauf der Transfers immer jederzeit offen gehalten.
  • Es gibt Gesetze, wie Geld erschaffen bzw vernichtet wird. Auch das ist total demokratisch gehandhabt.
  • Dies kann nur klappen, wenn auch die üblichen politischen Entscheide etc. total demokratisch ablaufen. Geheimnistuereien von Geheimbünden (Privaten) müssen so geregelt werden, dass eine klarere Trennlinie zwischen privat und öffentlich auch im Handeln neu definiert werden muss.
  • Die ist nur möglich, wenn auch psychisch etwas ändert: ich glaube, dass Habgier und Klaubereien nur deshalb so stark überhand nahmen, weil wir ALLE Tendenz haben, mit Materialismus-Besitz unsere Ohnmacht zu kompensieren. Mit Ohnmacht meine ich, der Verlust von Kreativität, Selbsterfahrung, echter Freiheitsgefühle, den zu viele von uns erfahren, wenn sie die Hindernisse in ihrem reellen Lebensraum/Entfaltungsmöglichkeiten etc. beim Erwachsenwerden nur wegstecken, eventuell bei Abenteuern mal kompensieren.

Das Leben muss wieder ein Abenteuer werden dürfen. Dazu brauchen wir:

  • wieder echte Freiräume, wo Lebens- und Erfahrungs-Experimente* wieder möglich werden dürfen. Einzige Bedingung: in diesen Freiräumen muss die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte jederzeit garantiert werden, was heisst,
  • jeder darf jederzeit diesen Ort/dieses Experiment wieder verlassen,
  • Kontrollbesuche von aussen müssen gestattet werden
  • dies, um Sektenvorwürfen zu begegnen, wenn Gruppen (ok, zu ihrer eigenen Kompensation) Experimente starten, die von aussen eben als sektenhaft wahrgenommen werden können (Damit hätten wir alle Fundamentalismus- und Sekten-Streitereien vom Tisch: Fundamentalismus ist immer nur Privatsache).

FAZIT: Ich denke, wir können GELD nicht unter Kontrolle bringen, solange dieses Geld eben ein Kompensationsmechanismus bleibt für starke psychische Diskrepanzen.

Die Erfahrung hat mich aber gelernt, dass psychische Sachen bewusst gemacht werden müssen, um sie zu verändern (wir kennen inzwischen ein paar Abläufe, wenn wir die mal schon benützen würden, wäre schon einiges erreicht).

Ich weiss ja nicht einmal, wie die heutige Jugend sich selber wahrnimmt, mein Nachwuchs ist jetzt schon über 40, ich habe mein eigenes Leben und keinen Kontakt zur sogenannten Jugend. Ich kann nur aus meinem Lebensexperiment ein paar Sachen sagen.

Ich denke, dass wir unser Leben kreativ gestalten können müssen. Was voraussetzte, dass wirtschaftlich gesehen:

  • jeder ein Minimallohn erhalten muss, einfach deshalb, weil er existiert,
  • aber als Ausgleich auch jeder etwas zum Ganzen beitragen muss: gewisse Stunden Einsatz, das heisst, für alle Invaliden, Arbeitslosen, schulisch Schwachen gibt es zuhauf jede Arbeit, die als anständige Arbeit gemacht werden kann.
  • das setzt ein sehr gutes Managment voraus, falls so ein Experiment überhaupt gelingen soll.
  • Da wartet der nächste Widerspruch: wir wollen es demokratisch, sind aber kaum fähig, uns auf minimale Abläufe zu einigen und am Schluss wird hart durchgegriffen und es gewinnen wieder die Ja-Sager und Nur-Angepassten.
  • Wir wollen Freiheit, wissen aber kaum, wie Freiheit für alle bei wirtschatlichen Zwängen, pardon Abläufen, zu handhaben sind. Hier sehe ich den schwierigsten Lernprozess, der bei einer effektiven Umgestaltung noch auf uns wartet.
  • Noch schwieriger ist die Vorstellung, diverse Gruppen von Akteuren wie Linksgruppen, Jugend als eine sich selbst verstehende Identität, normale Bürger, wirklich Reiche und sonstige Lobbisten  könnten sich auf etwas passendes einigen.

Ein solches Wunder könnte höchstens bei einem echten Wirtschafts-Crash passieren, falls innerhalb ganz kurzer Zeit der Wille dazu sich manifestieren würde.

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Das war eigentlich das Wichtigste, jetzt kommen noch ein paar sonstige Gedanken:

Hier wünsche ich mir eine Regelung eingebaut, die vielleicht vor allem am Anfang nicht leicht zu handhaben sein wird: man kann/darf, ja soll seine Arbeit von Zeit zu Zeit wechseln. Nicht nach Schema x, weil viele Menschen ihre Arbeit gerne machen, da, wo sie sind und nicht per Dekret davon entfernt werden sollen, aber weil eintönige Arbeit immer noch nötig ist, kann man im Turnus für Abwechslung sorgen.

Bei einer Neugestaltung der Gesellschaft und der zu verrichtenden Arbeit sehe ich viel mehr den energetischen Anteil, der Jeder von uns beisteuert. Wir sind Menschen, die Begeisterung brauchen, um etwas zu verrichten.

Eine Revolution zu starten weckt bei den Menschen im arabischen Raum derart viel Energie, dass wir uns hier in Europa davon angesteckt fühlen können. DIESE ENERGIE DER BEGEISTERUNG gehört zu unserem Leben, und soll im alltäglichen Ablauf nicht kaputt gemacht werden dürfen.

Also, alles was uns herunterdrückt versuchen wir zu vermeiden, was uns stärkt, zu verbessern. Und schon laufen wir in die Falle, weil buchstäblich genommen geht das natürlich so nicht, weil wir gelernt haben – ich rede jetzt vom normalen europäischen Menschen – uns unser Glück auf billigste Art zu holen, ich meine damit, wir führen uns auch sehr oft als knallharte Egoisten auf und lassen andere für uns bezahlen/arbeiten (hier rede ich aus unseren diversen  Kommunenexperimenten in den 70er Jahren).

Das gehört schon zu unserer Erziehung, wo es selbstverständlich geworden ist, dass Pappi Mammi uns das Leben leicht machen … wir sind gar nicht fähig, unseren Nachwuchs – verschweigen denn uns selbst – zuzugestehen, dass es möglich ist … d’érotiser l’effort … die Anstrengung zu erotisieren … Ein Spruch von unserem damaligen Genfer Professor für Psychopathologie des Kindes, der uns in den tiefen Sechziger Jahren erzählte, dass Kinder das Recht haben, die Erotisierung ihrer Anstrengungen zu erleben (was im Sport/Wettkampf ja ausgelebt wird … ja sogar im elitären Konkurrenzkampf).

Ich habe erlebt, dass Kleinkinder das automatisch machen, wenn Mammi nicht in ihre Entwicklung hineinpfuscht. Aber, weil DIE FRAU in der Vergangenheit ihre erste Stufe der Gleichberechtigung damit erreichte, dass sie irgendwann zur ‘guten Mutter’ deklariert wurde, haben die meisten Mütter diesen Auftrag so verstanden, dass sie ihre Kinder vor Gefahren schützen müssen, also das zu entwickeln, was in meinen Augen heisst: das Kind debilisieren/verdummen, (= hauptsächlich in der motorischen Entwicklung zu verdummen), indem sie ihm das Leben ‘bequem/ungefährlich’ machen.

Wir sind (fast) alle das Produkt von Müttern, ‘welche uns (als Baby/Kleinkind) die Erotisierung der Anstrengung erspart haben’ (mit 7 Jahren ist es dann zu spät).

Und hier kommen mir Zweifel zum Programm der Sozialisten, den Kapitalismus zu überwinden. Sorry, dazu braucht es mehr als ein paar Regelungen. Wir haben während der Kommunenzeit versucht, uns zu verändern, mit extremen Experimenten, welche eine Zeitlang dauerten (in Südfrankreich, in der Ariège). Wir sind vor allem an uns selber gescheitert. Was nicht heisst, es sei nicht möglich. DOCH, es ist möglich, aber es braucht ein paar Schritte mehr als nur Geldregelungen. Für mich geht Ueberwindung des Kapitalismus einher mit gewissen Veränderungen der Gesellschaftsordnung, wo das Wohlbefinden der Menschen berücksichtigt ist. Das geht nur schrittweise, geht nicht per Dekret, und auch nicht, indem man ALLE sofort hineinbinden möchte.

Und hier liegt die wirtschaftliche Knacknuss: es werden nur ein Teil davon Gebrauch machen wollen, fürs erste. Es geht ungefähr so, wie in jenem Witz aus der alten Moskauer Planwirtschaft – ein Russe erklährt: wenn wir versuchen, vom Rechtsverkehr auf der Strasse zum Linksverkehrt zuzustellen, machen wir zuerst einen Versuch. Wir lassen zuerst nur zehn Prozent der Autofahrer mit Links sowie Links-Vorfahrt laufen und wenn das Experiment gelingt, dann werden alle Autofahrer in Zukunft mit Links fahren.

Ich sehe die Umgestaltung des Kapitalismus auf sozial gerecht wie diesen alten Moskauere Witz, weil die Umstellung des Kapitalismus erst einmal nur von einem Teil der Menschen akzeptiert werden wird. Der Rest wird so bleiben wollen, wie es eben gerade läuft.

ABER: eine Chance zur echten Umgestaltung haben wir, falls der ganze Kapitalismus zusammenkracht und wir effektiv neu anfagen müssen. Dann wäre es nicht schlecht, ein paar von den gemachten Erfahrungen in den diversen Experimenten mitzuberücksichtigen.

Wie gesagt, ich glaube schon, dass es machbar ist, ich habe nur meine Zweifel, was uns normale westliche Bürger betrifft. Aber ich glaube auch, dass ein Teil unserer gutgebildeten Jugend zu neuem Aufbruch fähig ist …

… Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine Gedanken stark von Planwirtschaft ausgehen. Ja, ich weiss, das ist im heutigen neoliberal durchsetzten Diskurs ein Unwort. Nur, wir sind als Einzelmenschen derart uneinig untereinander über alles und jedes, dass meine Zweifel nur durch eine schon vorher demokratisch ausgearbeitete Skizze ersetzt werden können. Und schon allein der Gedanke, so etwas könnte gelingen, kann ich nur mit Kopfschütteln quittieren …
Heidi.

Link: Food crisis and the global land grab: internal links for english, français, espanol.

* Update: echte Freiräume mit Lebens- und Erfahrungs-Experimenten: es gibt nicht nur geographische Freiräume, hier denke ich eher an virtuelle = organisatorische, per Computer vernetzte ökonomische Freiräume: wenn 10% einer Bevölkerung den Kapitalismus wirklich überwinden will, wären Schritte in dieser Richtung möglich zu machen, per Gesetz abgestützt. Ich denke an das Experiment des grain-de-sel als Zahlungsmittel im Frankreicher Kommunenmilieu. Ein Salzkorn = 1 Franken = ein virtuelles Ding. Plötzlich hatten Arbeitslose wieder Arbeit, alles lief prächtig so lange, bis der Staat eingriff und alles stoppen, verbieten konnte. Das meine ich mit Freiräumen gestatten.

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