Kollaps Europa: Die verlorene, arbeitslose Jugend

Interview über Gründe und Folgen mit Prof. Hermann Adrian von der Uni Mainz, Teil I

Im KOPP-Verlag, von Eva Herman, 11. August 2011.

Europa kollabiert. Finanziell, wirtschaftlich und sozialpolitisch. Neueste Zahlen vom europäischen Arbeitsmarkt sind schockierend: Mehr als 20 Prozent der 15- bis 24-Jährigen haben keinen Job. Die Gewaltausschreitungen in England, Spanien, Griechenland und anderen Ländern werden immer heftiger. Europas Zukunft, so scheint es, hängt an einem seidenen Faden.

In Spanien liegen die Jugendarbeitslosenzahlen bei fast 50 Prozent, in Griechenland bei ca. 44 Prozent, in Italien und Irland bei fast dreißig Prozent. Auch in Frankreich und Schweden sind knapp 25 Prozent der jungen Menschen ohne Arbeit. Und in Deutschland sind 23- bis 29-Jährige zu bereits 18 Prozent arbeitslos.

Die Menschen sind tief unzufrieden. In einer dreiteiligen Interviewreihe wollen wir die Hintergründe für das wachsende Elend beleuchten. Der Demografie- und Volkswirtschaftsexperte Prof. Dr. Hermann Adrian von der Universität Mainz ist bekannt für seine klaren Worte. Der Physiker zeichnet ein düsteres Zukunftsbild, nennt jedoch Lösungen, um langfristig faire und gerechte Chancen zu schaffen. Ein ernstes Wort in einer aufrüttelnden Zeit.

Eva Herman: Herr Prof. Adrian, die neuesten Jugendarbeitslosenzahlen des Europäischen Statistikamtes EUROSTAT haben die europäischen Regierungen aufgeschreckt. Wie kommt es zu diesem erschreckenden Ergebnis, vor allem in den doch meist hochentwickelten Ländern?

  • Prof. Hermann Adrian: Wenn in einem Land die Arbeitslosigkeit ansteigt, dann steigt sie immer bei den jungen Menschen besonders stark an. Ansteigende Arbeitslosigkeit bedeutet ja, es werden bereits angestellte Arbeitnehmer entlassen. Durch eine »Sozialauswahl« werden dann besonders häufig junge Arbeitnehmer entlassen, die noch keine Familie haben. Außerdem entsteht zwangsläufig ein Rückstau bei den jungen Menschen, die erstmals in den Arbeitsprozess eintreten wollen.
  • Die Höhe der Arbeitslosigkeit hängt von vielen Faktoren ab. Die wichtigsten sind der Gesamtumfang des profitablen Arbeitsvolumens und das Angebot an Arbeitskräften. Um die Nachfrage nach Arbeit zu befriedigen, muss man in profitable Arbeitsplätze investieren und das Arbeitsvolumen erhöhen. Dies gelingt durch Lohnabsenkung und durch überdurchschnittliche Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Wenn gut qualifizierte Menschen bereit und in der Lage sind, für vergleichsweise wenig Lohn und damit zu wettbewerbsfähigen Preisen überlegene Produkte herzustellen, dann können immer mehr dieser Produkte verkauft werden. Allerdings nicht im Inland, sondern zunehmend im Ausland.
  • Die so entstehenden Exportüberschüsse entsprechen einem »Import von Arbeitsplätzen«. 2011 werden wir vermutlich Exportüberschüsse in Höhe von sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) haben. Das entspricht drei Millionen Arbeitsplätzen. Ohne Exportüberschüsse hätten wir also nicht drei Millionen, sondern sechs Millionen Arbeitslose. Seit den unter Bundeskanzler Schröder eingeführten Arbeitsmarktreformen sind die Löhne in Deutschland in Relation zu anderen Ländern gesunken, wodurch die Arbeitslosigkeit gesenkt werden konnte. Allerdings arbeiten heute in Deutschland fast zwanzig Prozent der Arbeitnehmer zu Löhnen unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns in Frankreich von 9,50 Euro pro Stunde … //

… Eva Herman: In Deutschland liegt die Jugendarbeitslosigkeit laut Statistik noch unter zehn Prozent, die 23- bis 29-Jährigen sind allerdings schon zu achtzehn Prozent ohne Arbeit. Vor allem Akademiker geraten zunehmend ins Hintertreffen: Fünf Jahre nach Studienabschluss sind immer noch dreißig Prozent der Geisteswissenschaftler ohne Arbeit. Welche Entwicklung erleben wir hierzulande und wohin führt sie?

  • Prof. Hermann Adrian: Nun ja, nicht alle Berufe werden in dem Maße gebraucht, wie sie studiert werden. Dem Überschuss an manchen Geisteswissenschaftlern steht ein zunehmender Mangel an MINT-Wissenschaftlern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) gegenüber. Zur hohen internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands trägt auch bei, dass wir noch immer über eine herausragende wissenschaftlich-technische Basis verfügen. Deutschland erzielte 2007 pro eine Million Einwohner fast 400 global relevante Patente, Japan 270, USA 190 und die EU-27 im Mittel nur 150. Dieser Vorsprung ist durch den Mangel an MINT-Wissenschaftlern aufgrund unseres seit 40 Jahren anhaltenden Geburtendefizits nun in Gefahr.

Eva Herman: Beunruhigend auch: Gut ausgebildete junge Menschen erhalten immer seltener stabile, verlässliche Löhne. Im Gegenteil: Zeitverträge und sinkende Bezahlung kennzeichnen die Arbeitsstrukturen in Deutschland. Mit welchen Folgen rechnen Sie?

  • Prof. Hermann Adrian: Es ist richtig, durch die Globalisierung stehen die Menschen auf der ganzen Welt in Konkurrenz zueinander. Dadurch entsteht ein Druck auf die Löhne in den alten hoch entwickelten Ländern. Es ist schwierig, einem jungen Ingenieur 4000 Euro im Monat zu bezahlen, wenn es in Asien zehn Ingenieure gibt, die bereit sind, die gleiche Arbeit für 1000 Euro zu leisten. Dieser Anpassungsdruck wird noch lange anhalten, auch wenn in China die Löhne schon deutlich steigen. Manche Firmen, die vor 15 Jahren wegen der niedrigen Löhne nach China zogen, ziehen inzwischen schon weiter nach Vietnam und Kambodscha. Der nächste große Konkurrent mit niedrigen Löhnen wird Indien sein.

Eva Herman: Herr Prof. Adrian, Sie stellen die wachsende Arbeitslosigkeit in Europa mit der sinkenden Geburtenrate in Zusammenhang. Könnten Sie das erklären?

  • Prof. Hermann Adrian: Zum Arbeitsvolumen zählen die Produktion aller Güter und Dienstleistungen für die Erwachsenen, aber auch das große Arbeitsvolumen, das mit der Betreuung, Erziehung, Ausbildung und Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit materiellen Gütern und Dienstleistungen einhergeht. Man könnte im Jargon der Volkswirtschaftler sagen: das Arbeitsvolumen, das für die »Produktion von Humankapital« benötigt wird. Werden in einem Land seit Langem nur wenige Kinder geboren, so ist der damit verbundene Arbeitsaufwand im Vergleich zu einer bestandserhaltenden Kinderzahl gering, und zwar unabhängig davon, ob die Kinder in einer »traditionellen 1,5-Verdiener-Familie« (ein Elternteil unterbricht seine Erwerbstätigkeit für einige Jahre und widmet sich der Kindererziehung) oder in einer 2-Verdiener-Familie« (nur sehr kurze Unterbrechung der Erwerbstätigkeit der Eltern, Kinder werden in Ganzstagskrippen, -kindergärten und -schulen aufgezogen) aufwachsen. Dementsprechend steigt der Bedarf an Arbeitsplätzen in den verbleibenden Branchen des Arbeitsmarkts. Tatsächlich stieg das Ausmaß der Basisarbeitslosigkeit von 1970 bis 2000 in dem Maße an, in dem die Zahl der Menschen in der jungen Generation (0- bis 20-Jährige) relativ zur Erwerbsgeneration (20- bis 65-Jährige) durch das anhaltende Geburtendefizit zurückging. Dieser Zusammenhang ist also durch die Fakten bestätigt. Es ist kein Zufall, dass die hoch entwickelten Länder mit einem lange anhaltenden Geburtendefizit – Deutschland, Japan, Taiwan, Südkorea – durch Lohnzurückhaltung Arbeitsplätze »importieren« müssen, also einen großen Exportüberschuss aufweisen.

(ganzer langer Interviewtext).

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